B wie BBC Charter Review

Die BBC kämpft mal wieder um ihr Überleben. Das Spektakel, in dem hauptsächlich wirtschaftliberale Akteure mit ihren politischen Freunden (vor allem bei den Tories) versuchen, die wohl erfolgreichste Marke Großbritanniens vor allem durch massive finanzielle Einschnitte zu schwächen, ist der besonderen Verfasstheit des britischen Rundfunksystems geschuldet: Alle 10 Jahre steht die Royal Charter, die die BBC gesetzlich legitimiert und über ihre finanzielle Ausstattung entscheidet, erneut zur Diskussion. Das ist Segen und Fluch zugleich: Zum einen sorgt es dafür, dass sich – anders als in Deutschland – bei der BBC nie diese selbstgefällige Saturiertheit verfassungsmäßig garantierter Institutionen einstellt. Zum anderen unterliegt damit die BBC immer wieder dem auch politisch motivierten Zugriff externer Akteure, ohne viel mehr dagegen mobilisieren zu können als die Sympathie ihres Publikums.

Die Vorgänge um die BBC sind auch für uns in Deutschland lehrreich. Die Stimmungslagen, die inhaltlichen und strukturellen Vorwürfe, das Wutgeheul und der Sarkasmus der konkurrierenden privaten Medienanbieter, der Frust der Gebührenzahler – all das deckt sich weitgehend mit unseren eigenen Erfahrungen. Aber hierzulande können sich die Freunde des öffentlich-rechtlichen Systems darauf verlassen, dass im Zweifels- und Streitfall das Bundesverfassungsgericht das Wort ergreift, auf Artikel 5 des Grundgesetzes verweist und aus diesem weitgehende Freiheiten und Garantien für die öffentlich-rechtlichen Anbieter ableitet. Somit liegen Fluch und Segen in Deutschland komplementär zur Situation in Großbritannien: Niemand muss sich hier regelmäßig rechtfertigen und die Unterstützung des Publikums suchen. Daher aber ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland fett und träge geworden.

Es lohnt sich auch deshalb, die Diskussion um das Charter Renewal zu verfolgen, weil dort hochaktuelle, wichtige Fragen zum Medienwandel verhandelt werden. Die BBC war oft – auch dank ihrer immer wieder bedrohten Situation – in vielen Punkten an der Spitze, sowohl in der Entwicklung interessanter, zukunftsweisender Formate als auch im Umgang mit Partizipationsmodellen und anderen strukturellen Erfordernissen.

Interessant (und einigermaßen frustrierend) ist in diesem Zusammenhang die Differenz der aktuellen Debatte zu den Diskussionen beim letzten Charter Renewal zwischen 2004 und 2007. In beiden Fällen gab es zuvor Skandale, die den Gegnern der BBC emotionale Schützenhilfe lieferten: damals ging es vor allem um den Suizid des Whistleblowers David Kelly, heute um die offensichtlich jahrelange Vertuschung der Missbrauchsaffäre des populären Moderators Jimmy Savile.

Vor zehn Jahren gelang dem BBC-Management der Ausbruch aus der Defensive, indem es mit dem Begriff des ‚Public Value‘ die Legitimationsfrage für öffentlich-rechtliche Medien auf eine komplett neue Grundlage stellte und vielversprechende, neue Perspektiven eröffnende Antworten geben konnte. Davon, und von der breiten, auch international geführten Diskussion, die dadurch angestoßen wurde, ist heute nichts mehr zu spüren. In dem Diskussionspapier, das der gegenwärtige Director General der BBC, Tony Hall, vor einigen Tagen vorgelegt hat, spielt der Begriff eines öffentlichen Mehrwerts keine Rolle mehr. Das Papier ist wenig mehr als eine hohle, werblich formulierte Selbstbeweihräucherung und ein Aufguss alter Ideen. Es bleibt somit meilenweit hinter den zuvor gesetzten Standards zurück, so dass Verteidiger der BBC mittlerweile öffentlich dazu aufrufen, die BBC vor sich selbst (und ihrem Management) zu schützen.

Projektfragen: Welches waren die wesentlichen Diskussionspunkte und worin unterscheiden sich die Charter-Review-Prozesse 2006/7 und 2016/17? Welche Programmpunkte des letzten Charter Renewal-Programms konnten erfolgreich umgesetzt werden, und woran sind die anderen gescheitert? Welche Lehren lassen sich aus diesen Prozessen für eine Reform der öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland ziehen?

A wie Archive

Wann immer über das Potenzial des öffentlich-rechtlichen Mediensystems im Internetzeitalter diskutiert wird, kommen auch die ungeheuren Schätze zur Sprache, die in den elektronischen Archiven der Anstalten lagern, und die man nunmehr der Allgemeinheit zugänglich machen sollte.

Die Intuition ist klar: Das hat der Gebührenzahler finanziert, das sollte ihm auch zur Verfügung stehen. Und mit dem Internet und anderen digitalen Übertragungswegen wird auch das Argument der begrenzten linearen Sendeplätze hinfällig: Wer etwas Altes sehen möchte, muss heute nicht mehr auf Wiederholungen warten.

Dass dennoch so wenig an dieser Baustelle gearbeitet wird, hat mit einer Reihe von ungelösten Problemen zu tun:

Erstens gibt es die wirklich lähmende Rechteproblematik. Bei den meisten Produktionen hat man bei der Vertragsgestaltung die Möglichkeit einer Bereitstellung in offenen Rundfunkarchiven schlicht noch nicht berücksichtigt. Dazu kommt, dass vielen Produktionen komplexe Rechtecocktails verschiedener Produzenten zugrunde liegen, die sich oft schon nach wenigen Jahren kaum noch entwirren lassen.

Aber abgesehen von dieser Problematik (vgl. auch Stichwort „C wie Creative Commons“) stellen die Archive die Anbieter auch vor technische und ergonomische Herausforderungen. Offenkundig ist es außergewöhnlich schwierig, ein wirklich nutzerfreundliches großes Medienarchiv aufzubauen.

Aus der Sicht traditioneller Archivwissenschaft gehört dazu – gerade bei audiovisuellen Medien, wo eine Volltextindizierung praktisch unmöglich ist – eine effiziente Verschlagwortung. Und erfahrungsgemäß vergehen Generationen, ehe man sich auch nur auf einen entsprechenden einschlägigen Thesaurus verständigt hat.

Ein anderes Problem ist die Gestaltung eines übersichtlichen Interfaces diesseits der Suchmaske. Auch hier scheitern die Anbieter – oder hat schon mal jemand eine wirklich hilfreich aufgebaute Mediathek gesehen?

Wie in vielen anderen Fällen lohnt es sich auch hier, dem Marktführer Google auf die Finger zu schauen. Auf der Homepage seines Videodienstes YouTube findet man als Nutzer eine vergleichsweise anarchische, aber im Resultat dann doch recht nützlich gegliederte Auswahl an persönlichen Empfehlungen vor. Dem liegt jedoch der Schatz von Zugriffsdaten zugrunde, die Google erhebt, so dass deren System für einen kleineren Anbieter leider kaum kopierbar ist.

Projektfragen: Was wäre eine kompromissfähige Lösung des Rechteproblems, und wie ließe sie sich politisch herbeiführen? Und, abgesehen davon: Wie könnte in der besten aller möglichen Welten, in der alle in einer Anstalt intern archivierten Produktionen auch nach außen freigegeben werden könnten, ein brauchbares, auch von anderen Diensten (Suchmaschinen etc.) integrierbares Medienarchiv aussehen?

A wie Aufsichtsgremien

Die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland sind eine komplexe Angelegenheit. Das gilt auch für ihre Rechenschaftspflicht und Steuerung. Öffentlich und doch staatsfern sollen sie sein. Das magische Wort heißt hier „Binnenpluralität“: Vielfalt (fast) ohne Wettbewerb. Und gewährleisten sollen dies regelmäßig tagende Aufsichtsräte (ARD-Rundfunkräte, ZDF-Fernsehrat, DLF-Hörfunkrat): Gremien, die aus einer breiten Auswahl relevanter gesellschaftlicher Gruppen besetzt werden.

Dieses System der Medienaufsicht hat viele Probleme: Die Auswahl der Räte folgt zu wenig dem gesellschaftlichen Wandel. Die erwünschte Staatsferne wird durch eine Überrepräsentation politischer (oder politisch gebundener) Akteure konterkariert. Die Räte verfügen über zu wenig Ressourcen, Zeit und Kompetenz, um wirklich prägend auf die Anstalten einwirken zu können und werden somit zum Spielball der Profis aus dem operativen Geschäft (vor allem der Intendanzen).

Eine sehr gute Studie der Otto-Brenner-Stiftung analysiert die aktuelle Situation, fasst die laufende Diskussion um eine zeitgemäße Medienaufsicht sehr schön zusammen und spricht die eine oder andere Empfehlung aus.

Aus der Sicht meines Projekts stellt sich vorrangig die Frage, wer eigentlich im Interesse der Öffentlichkeit für die strategische Weiterentwicklung des öffentlich-rechtlichen Systems zuständig ist, und wer entsprechende Reformen in diesem System anstoßen kann. Dies wird insbesondere bei der ARD durch den föderalen Aufbau des Systems zusätzlich erschwert.

Projektfragen: Wie kann das System der Medienaufsicht in Deutschland verbessert werden, und wie kann es insbesondere ermächtigt werden, auf den Medienwandel und die damit notwendig gewordene Neupositionierung öffentlich-rechtlicher Medien angemessen zu reagieren?

A wie Auftrag

Der sogenannte Funktionsauftrag, den die Juristen den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland zuweisen, ist ein ziemlich hölzernes theoretisches Konstrukt, das sich aber intuitiv immer wieder an einem Trio von Funktionen orientiert, das bereits BBC-Gründer Sir John Reith seiner Anstalt in den Anfangsjahren als Mission Statement mit auf den Weg gegeben hat: Information, Bildung und Unterhaltung. Als Philosoph weiß ich: Es ist nie verkehrt, seine Überlegungen auf solche starken, definierenden Intuitionen zu stützen. Sie sind meist stärker als Definitionen oder Paragraphen.

Angesichts des Medienwandels stellt sich bei unserem Trio (Information, Bildung, Unterhaltung) aber nicht nur die Frage nach seiner zeitgemäßen Ausgestaltung, sondern darüber hinaus auch die Frage, ob die Beschränkung auf diese drei Begriffe der aktuellen Situation wirklich gerecht wird.

Ich möchte dafür plädieren, mit einer (zunächst) um zwei Punkte erweiterten Liste zu arbeiten. Die zwei neuen Punkte – Orientierung und Ermächtigung – ließen sich mit etwas Mühe vielleicht auch unter die vorhandenen drei subsumieren, aber ich denke, zur besseren Profilierung macht es Sinn, sie gesondert zu behandeln. Hier also die erweiterte Liste mit ein paar Überlegungen zur Interpretation der einzelnen Punkte.

1. Information – Aktuelle Nachrichten sind gewissermaßen die Basis der Grundversorgung. Abgesehen davon gibt es aber auch ein verstärktes Bedürfnis nach vertiefter (investigativer) Berichterstattung, (multipolarer) Analyse, (historischer und systematischer) Einordnung, dem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland (mit ehrenwerter Ausnahme des Deutschlandfunks) nicht mehr annähernd gerecht werden.

Aber es geht nicht nur um einzelne Sendeplätze. Der klassische Journalismus in Print und Rundfunk hängt immer noch an teilweise veralteten, zeitlich und thematisch isolierten Formaten (Ausgaben, Sendungen,…). Das macht es weiterhin schwierig, die Berichterstattung durchgängig in einen kohärenten Zusammenhang zu stellen und es den Nutzern zu ermöglichen, beispielsweise die Vorgeschichte eines Ereignisses bei Bedarf aus Archivbeständen zu rekonstruieren. Hier kommen die Möglichkeiten der neuen Medien zupass und erlauben im Sinne des von Jeff Jarvis geprägten Begriffs eines Prozessjournalismus eine neue, themenorientierte Form des Journalismus und der aktuellen Information. Nur wenn die Medien sich dieser Herausforderung stellen, wird es gelingen, eine informationelle Grundversorgung zu gewährleisten, die zu einem mündigen, staatsbürgerlichen Verhalten befähigt.

Eine der essentiellen Voraussetzungen dafür ist die systematische Erschließung und fortlaufende Pflege der Archive, die somit ihren rein ‚historischen‘ Charakter verlieren und zum Bestandteil des aktuellen Angebots werden. Eine weitere, eher technische Voraussetzung ist die semantische Anreicherung von aktueller Produktion ebenso wie des Bestandes. Dies wiederum setzt beträchtliche strategische Investitionen voraus.

2. Orientierung – Schon die eben skizzierte Kontextualisierung aktueller Information weist in die Richtung einer neuen Aufgabe für die Public Service Media: In Zeiten jenseits überschaubarer linearer Rundfunkprogrammierung, in denen die Nutzer einer immer breiteren Flut gleichzeitig zur Verfügung stehender Informationen ausgesetzt sind, gibt es einen immensen Bedarf an Orientierung. Die Bandbreite reicht von einfachen Suchfunktionalitäten bis hin zu Empfehlungssystemen und personalisierten Filtern.

Dies ist ein genuiner Aufgabenbereich für Public Service Media, der nicht gewinnorientierten kommerziellen Anbietern überlassen werden darf, die sich ihre funktional intransparenten Dienste mit der systematischen Ausbeutung von Nutzerinformationen bezahlen lassen. Insofern ist die Einrichtung einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine, wie sie unter anderem von dem Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Hans Hege, gefordert worden ist, ein sinnvoller erster Schritt. Ebenso bedarf es der Förderung von und Investition in offene, der Allgemeinheit nützliche semantische Standards, sowie die öffentliche Diskussion von Qualitäts- und Relevanzkriterien und deren Anwendung in breit aufgestellten, individuell anpassbaren Kurationsdiensten.

3. Bildung – Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten interpretieren ihren Bildungsauftrag zunehmend als Verpflichtung, historisches Kulturgut (klassische Musik, Theater, Tanz,…) in entsprechenden Spartenkanälen (3Sat, arte, Radiokulturprogramme…) einer kleinen Nutzerschaft vorzuhalten. Allein der bayerische Rundfunk bietet mit dem mittlerweile national zugänglichen Bildungskanal 1 alpha ein Echo des einstmals weitaus prominenteren Schulfunks oder Schulfernsehens. Der anscheinend zugrundeliegende Bildungsbegriff, der Aspekte der Ausbildung weitgehend ausklammert, und sich nicht einmal traut, übertragene Kulturveranstaltungen mit entsprechenden Erklärformaten sinnvoll zu ergänzen, ist ehrenwert, hat aber wenig mit der Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun. Statt also im Kampf um ein junges Publikum die ‚Jugend’ mit immer neuen Dudel- und Unterhaltungsangeboten vollzudröhnen, sollte man dieser Zielgruppe lieber praktische Hilfestellung bei Schule, Ausbildung oder Studium anbieten. Das Stichwort hier heißt ‚Open Educational Resources‘ und reicht von kurrikularen Begleitangeboten für Schule und Berufsausbildung bis hin zu zentralen Plattformen für offene universitäre Lehrveranstaltungen.

4. Ermächtigung – Nutzer sind nicht mehr die passiven Konsumenten aus vergangenen Medienepochen. Schon in den elementaren Rezeptionsgewohnheiten zeigt sich ein komplett anderes, neues Verhalten: Inhalte werden zunehmend nicht mehr an den traditionellen Schnittstellen (Zeitung, Nachrichtensendung, Abendprogramm) abgeholt, sondern werden über soziale Netzwerke verteilt, kommentiert und von einer nicht geringen Minderheit auch aktiv weitergedreht. Professionelle Medienmacher müssen sich in diesem gerade entstehenden neuen Ökosystem der Information neu positionieren. Sie werden zunehmend zu Mediatoren in einem dezentralen Mediennetzwerk und tragen hier als Profis eine große, weitgehend neue Verantwortung.

Nicht nur die Diskussionen um die oft fragwürdige Qualität der Nutzerkommentare in Onlinemedien (bis hin zur Forderung nach psychotherapeutischer Unterstützung der Moderatoren) machen deutlich, dass hier ein gewaltiger medienpädagogischer Bedarf besteht. Es geht um mehr als ein paar wohlfeile Einführungen in den Gebrauch von sozialen Medien. Es geht um die Einübung in eine komplett neue Form medialer Öffentlichkeit, in der den Individuen und ihren jeweiligen Teilöffentlichkeiten eine immer wichtigere Rolle zukommt. Auch hier geht es um Individuen nicht nur als Konsumenten, sondern als Bürger eines demokratischen Gemeinwesens, und die Aufgabe liegt somit genuin im Verantwortungsbereich der Public Service Media.

5. Unterhaltung – Dies ist das umstrittenste Feld im traditionellen öffentlich-rechtlichen Portfolio. Warum sollten gebührenfinanzierte Angebote etwas liefern, das im kommerziellen Bereich gut und vielleicht sogar besser funktioniert? Die Apologeten der Public Service Media verfolgen hier im Allgemeinen zwei Strategien. Entweder sie beharren stur auf dem angestammten Recht auf eine Rundumversorgung, das sich aus den Anfangszeiten des Rundfunks herleitet, und argumentieren höchstens mit der Notwendigkeit, Nutzer aus den populären Sendeplätzen ihrer Unterhaltungsformate in die anspruchsvolleren Programmanteile hinüberzulocken. Oder sie verweisen auf die besonderen Qualitätsansprüche öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsangebote, mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt.

Es gilt also, einen neuen, spezifischeren Zugang zur Unterhaltungsproblematik zu finden, der den Public Service-Aspekt klarer profiliert und somit auch die teilweise berechtigte Kritik der privaten Anbieter stärker zu beantworten. Ein Akzent könnte hierbei auf Vielfalts-, und insbesondere auf Nachwuchsförderung gelegt werden. Zahlreiche Castingshows zeigen ebenso wie die extrem skalierbaren Bühnen der Youtube-Stars, dass Wettbewerb und potentieller Ruhm ein gewaltiges Motivationspotential bei Beteiligten und Zuschauern darstellen. Statt starrer, repetitiver Showformate sollten die Öffentlich-Rechtlichen hier weit mehr Mut zur Offenheit, zum Wandel und zur Nische zeigen. Und wenn einzelne erfolgreiche Akteure dann zu private Anbietern wechseln, so ist das keine Schande, sondern ein Beitrag zur Entwicklung eines gesunden, auch kommerziell erfolgreichen Mediensektors.

Investigativer Journalismus

Journalismus in den öffentlich-rechtlichen Medien muss sowohl stabil unabhängig als auch personell und finanziell hervorragend ausgestattet sein, denn seine Aufgabe ist es, sowohl der mittlerweile überwältigenden professionellen Kommunikationsmacht großer, internationaler Konzerne entgegenzutreten, als auch der strukturellen Intransparenz staatlicher Institutionen.

Ein aktuelles Beispiel für ersteres sind die erfolgreichen Vertuschungsversuche der US-amerikanischen chemischen Industrie über die massive Schädlichkeit der Stoffgruppe PFOA oder C8, die in Produkten wie Teflon oder Gore-Tex mittlerweile in praktisch allen Haushalten verbreitet ist. Für den zweiten Fall muss man nur an die von Edward Snowden bekannt gemachten Geheimdienstaffären erinnern.

Besonders dramatisch wird es bei Prozessen wie den Verhandlungen um die großen sogenannten Freihandelsabkommen TPP und TTIP, bei denen Verhandlungsparteien von beiden Seiten, sowohl die Lobbyistengruppen der internationalen Wirtschaft, als auch die involvierten nationalen Akteure fundamental antidemokratische Weichenstellungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandeln.

Hier bedarf es also journalistischer Akteure, die systematisch und unabhängig von den Aufs und Abs eines kommerziellen Medienmarktes die relevanten gesellschaftlichen Prozesse kritisch beobachten.

Bislang lösen die bestehenden Public Service Media diesen Anspruch selten ein, wenn überhaupt je. Die Teflon-Affäre wurde von Glenn Greenwalds Onlinemagazin Intercept aufgedeckt. Und auch in der Geheimdienstaffäre haben sich Edward Snowden und sein journalistischer Gewährsmann Glenn Greenwald nicht an die ARD oder BBC gewandt, sondern zunächst an einige der letzten halbwegs vertrauenswürdigen privaten Medienhäuser, an den Guardian, die Washington Post und die New York Times.

Darüber hat sich Charlotte Higgins für ihr BBC-Portrait „This New Noise“ (2015) mit dem ehemaligen Nachrichtenchef der BBC Richard Sambrook unterhalten. Seine Einschätzung:

„If Edward Snowden hat contacted Panorama or Newsnight, could they have done what the Guardian did? No. No, they couldn’t. They might have been able to do a piece at a metalevel, a headline level, but they could not have done what the Guardian did with Snowden. I find it uncomfortable to say that but it’s the truth.

So what does that tell you about the BBC? It tells you that in the end there is a limit to its independence – some would call that public accountability.“

Das zeigt, wie schwer es ist, Public Service Media wirklich staatsunabhängig aufzustellen. Es sollte uns nicht daran hindern, dies zu versuchen.

Erfolgswährung Reichweite?

In seinem 2006er Bericht an den Europarat „Public Service Media in the Information Society“ (pdf) vertritt der Däne Christian S. Nissen die These, dass Reichweite das wichtigste quantitative Erfolgskriterium für Public Service Media sei: „Reach is the most important quantitative success criterion for public broadcasters.“ (S. 24). Trotz der Beschränkung auf quantitative Bewertungskriterien halte ich diese These für eine irreführende und gefährliche Überbewertung (in der Zwischenüberschrift nennt Nissen Reichweite „A sine qua non for public service“).

Zunächst muss man eine naheliegende Einschränkung machen, die auch Nissen – zumindest teilweise – bewusst ist: Reichweite sollte sich nicht in allen Fällen am potentiellen Gesamtpublikum einer Anstalt orientieren. Denn es ist denkbar, dass einzelne Programmanteile spezifisch bestimmte lokal, kulturell oder anders definierte Teilöffentlichkeiten ansprechen. Reichweite in einem relevanten Sinn muss also immer relativ zur intendierten Zielgruppe gesehen werden.

Zur Verteidigung seiner These von der vorrangigen Bedeutung der Reichweite beruft sich Nissen auf die ‚Kohäsionsaufgabe‘ der Public Service Media, auf deren Job, eine gemeinsame, geteilte Öffentlichkeit in der Gesellschaft herzustellen. Nun ist diese Aufgabe nicht die einzige, vielleicht nicht einmal die vorrangige Aufgabe der PSM. Und selbst wenn wir auf sie fokussieren, kann es durchaus sein, dass ihr auch mit einem Programm gedient ist, das nur einen Teil der Gesamtöffentlichkeit, oder sogar nur einen Teil einer relevanten Teilöffentlichkeit erreicht. Wichtig ist nicht die Reichweite, sondern die Anschlussfähigkeit des Programms.

Ein Beispiel: Ein politisches Magazin betreibt investigativen Journalismus und deckt eine Korruptionsaffäre in Regierungskreisen auf. Selbst wenn nur eine verschwindend kleine Minderheit dieses Magazin tatsächlich gesehen hat, ist der Job in dem Moment getan, wo die Veröffentlichung gesellschaftliche Konsequenzen hat. Dies kann durch ein dadurch angestoßenes Ermittlungsverfahren geschehen, durch Anschlussveröffentlichungen anderer Medien oder das Aufgreifen der Affäre in politischen oder zivilgesellschaftlichen Prozessen.

Ein anderes Beispiel aus einem nicht-journalistischen Bereich: Zu den Kernaufgaben der PSM kann man die kulturelle Nachwuchsförderung zählen. Wenn eine Anstalt beispielsweise bestimmte Film- oder Videoprojekte fördert und Nachwuchstalenten auf diese Weise Produktionsmittel, Infrastrukturen und eine erste größere Bühne zur Verfügung stellt, so ist es allerhöchstens von sekundärer Bedeutung, wie breit das Publikum für die tatsächliche Präsentation der Werkstücke ist, denn der primäre ‚Job‘ der PSM besteht darin, mögliche Entwicklungswege für die betreffenden Nachwuchstalente zu eröffnen und überhaupt die notwendigen Spielräume für eine Dynamik des kulturellen Feldes zu gewährleisten. Auch hier geht es wieder um die Anschlussfähigkeit des gesamten Vorgangs, wobei nicht einmal die tatsächliche ‚Ausstrahlung‘ im Zentrum steht, sondern auch schon die vorbereitenden Schritte der Produktion von großer Bedeutung sind.

Aus diesen Gründen ist es so wichtig, sich endlich vom Fetisch der Reichweite zu lösen und statt dessen auch weitere Erfolgswährungen in den Vordergrund zu holen wie beispielsweise den in der PR längst gängigen Begriff der Wirkung (Impact).

Meine Sendungen

Eine der Tücken linearer Vollprogramme ist, dass man immer die falschen Sendungen dargeboten bekommt. Die Wahrscheinlichkeit, zu einem bestimmten Zeitpunkt einzuschalten und auf genau das Programm zu stoßen, das man gerade braucht, ist praktisch gleich null. Dies Problem hat sich durch die Vervielfältigung der Programmlandschaft mit Dutzenden von kommerziellen Sendern und Spartenkanälen nur verschärft, zumal manche Sender sich die Unsitte der Parallelprogrammierung angewöhnt haben: Talkshow gegen Talkshow, Reality Soap gegen Reality Soap.

Wie finde ich die Sendungen, die mich wirklich interessieren und zufrieden stellen? Klassische Programmzeitschriften (und ihre elektronischen Ableger) sind zu wenig auf individuelle Bedürfnisse abstimmbar und bieten deshalb – besonders für Nischengeschmäcker – keine Abhilfe.

Zur Linderung dieses Missstandes, und um auf eine Zeit vorzubereiten, in der sich das Problem durch vorwiegend nicht-lineare Darbietungsformen (Mediatheken, Archive) nochmal drastisch verschärfen wird, könnten die Öffentlich-Rechtlichen eine Art personalisierten Programmführer ins Netz stellen. Dort würden die Nutzer durch einen Fragenkatalog geführt, der wichtige demographische Daten (Alter, Geschlecht, Wohnort) und Lebensaspekte (Beruf, Hobbies, Vorlieben) abfragt und daraus jeweils Programmempfehlungen ableitet. Diese könnten sowohl langfristig (wiederkehrende Sendeformate und -plätze) als auch aktuell ausgelegt sein.

Ich würde beispielsweise auf wichtige regionale und lokale Informationsformate meines Wohnorts Berlin und meines Arbeitsortes Darmstadt aufmerksam gemacht werden, auf überregionale politische Magazinsendungen, auf Musikformate im klassischen und elektronischen Bereich, auf Dokumentarfilme über Globalisierungsthemen oder China, und auf Spielfilme aus dem Festivalrepertoire abseits der Hollywood-Blockbuster.

So könnte mir auch verdeutlicht werden, dass meine 18 Euro Rundfunkabgabe gut angelegtes Geld sind.

Professor Becketts Vision für die BBC

„I would like to see, not just in journalism but across the BBC, that it shifts from being this kind of monolithic institution, separate, if you like, from the rest of the media ecology, and becomes much more of a commissioning and an enabling and a collaborating body that works not just with other media companies but with other british or international institutions, perhaps even universities more extensively, to create content, to provide services, in a way that it facilitates rather than necessarily owns.“

Charlie Beckett, Hot Seat, LSE Government Blog, July 28th, 2015 (Quote starting at 11:18)

Das entspricht ziemlich genau meiner Vorstellung, wie es mit den öffentlich-rechtlichen Medien auch in Deutschland weitergehen sollte. Die Public Service Media sollten sich nicht nur als Produzenten, sondern auch als Vermittler und Förderer medialer Vielfalt und Qualität verstehen. Sie können hochwertige Inhalte anderer Anbieter kuratieren, Nachwuchstalente und neue Projekte fördern, und weiterhin Fehlendes im Medienportfolio ergänzen. Wichtig ist dabei, dass sie nicht nur selbst produzieren, und dass sie endlich damit aufhören, ihre Außengrenzen möglichst hermetisch geschlossen zu halten.

Methoden und Werkzeuge

Methodisch orientiert sich das Projekt sowohl an journalistischen Techniken der Recherche als auch an durchgängig wissenschaftlichen Standards, wobei die qualitative, eher medienjournalistische Arbeit im Vordergrund steht. Neben persönlichen Vorlieben hängt dies auch mit der Aktualität und Flüchtigkeit des Gegenstands zusammen. Eine rein wissenschaftliches Vorgehen würde hier eine langsamere Gangart bedeuten, die sicherlich ihre Berechtigung hat, aber meiner Ansicht nach angesichts der Dringlichkeit anstehender medienpolitischer Fragen und Entscheidungen zurückgestellt werden muss. So werde ich mich weitgehend auf explorative qualitative Methoden stützen, wie die Auswertung und Analyse wissenschaftlicher sowie journalistischer und anderer nichtwissenschaftlicher Quellen sowie Experteninterviews, um so zugleich einen Überblick zu geben und eine thematische Neuorientierung im Gegenstandsbereich zu ermöglichen und ggf. auch tiefer und weiter gehende wissenschaftliche Fragestellungen vorzubereiten.

Ich mache in meiner Recherche von einigen besonderen Werkzeugen und Verfahren Gebrauch, die ich hier kurz vorstellen möchte. Dies betrifft zum Beispiel Techniken des Themen-Monitorings. Für aktuelle Entwicklungen verwende ich täglich Twitter, sowie RSS-Feeds von Blogs und anderen, meist nachrichtlichen Quellen, die ich über den Newsreader Feedly organisiert habe und dort lese. Bei Twitter habe ich eine umfangreiche Liste von Quellen angelegt, die sowohl Institutionen als auch einzelne Akteure oder Experten umfasst. Diese Liste umfasst zur Zeit 137 Quellen und wird ständig ergänzt oder bereinigt. Ähnlich gehe ich auch bei den RSS-Feeds vor. Das Feedly-Verzeichnis zum Projekt umfasst zum gegenwärtigen Zeitpunkt 37 Quellen.

Neben diesen Kanälen gibt es einen über iCal verwalteten Kalender, in den ich relevante Veranstaltungen (Workshops, Konferenzen etc.) – auch rückblickend – eintrage. Ich bemühe mich, bei vergangenen Veranstaltungen Berichte in meinen Datenbestand aufzunehmen.

Der allgemeine Literatur-Datenbestand wird mit Hilfe von zwei zentralen Werkzeugen verwaltet. Da ist zum einen DevonThink, eine Datenbanksoftware für MacOS, die über hilfreiche semantische Analysetechniken verfügt. Gleichzeitig werden die erfassten Quellen, soweit sie online zugänglich sind, mittels Diigo als verschlagwortete soziale Bookmarks verwaltet.

Sobald eine gewisse kritische Masse erreicht ist, werde ich alle verwendeten Ressourcen (Twitter-Liste, RSS-Feedliste, iCal-Kalender und Diigo-Bookmarks) öffentlich machen.

Das aus meiner momentanen Sicht spannendste Tool, dass ich verwende, ist jedoch Rationale, eine Plattform zum Argument Mapping, die zurzeit von einer Stiftung in den Niederlanden bereitgestellt und gepflegt wird. Ich plane, dort wesentliche Argumentationslinien zum Konfliktfeld öffentlich-rechtliche Medien abzubilden und zu analysieren. In Rationale lassen sich mögliche Begründungen oder Widerlegungen bzw. Schwächungen für vorgebrachte Thesen transparent auflisten und anhand von stützenden Belegen evaluieren. Auf diese Weise kann man auch Schwachpunkte in Argumentationen identifizieren und ggf. durch ergänzende eigene Forschung klären. Auch die Argument Maps bei Rationale lassen sich zu gegebener Zeit öffentlich machen.

Leitfragen

In meinem Projekt geht es um Legitimation und mögliche Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien in Deutschland. Dieses Thema lässt sich natürlich nicht isoliert betrachten von der Entwicklung vergleichbarer Medien in anderen, europäischen oder außereuropäischen Ländern. So steht gerade in Großbritannien die Zukunft der BBC zur Diskussion, einer Anstalt, die nicht nur als historisches Vorbild ein geradezu definitorisches Leitmedium für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland ist. Auch in den benachbarten Alpenrepubliken Schweiz und Österreich wird um Ob und Wie einer Weiterführung öffentlich-rechtlicher Medien gerungen, und manche Lehren lassen sich aus einer Betrachtung dieser Auseinandersetzungen ziehen.

Öffentlich-rechtliche Medien stehen als relativ große gesellschaftliche Institutionen in verschiedenen Konfliktlinien. Je nach Position und Rolle der beteiligten oder betroffenen gesellschaftlichen Akteure erscheinen sie in unterschiedlichem Licht. Den privaten Medienanbietern beispielsweise sind sie als wohlfinanzierte Konkurrenten ein Dorn im Auge, vielen Medienkonsumenten als ebenso unumgehbarer wie unerwünschter Kostenfaktor im Medienbudget. Aber auch unabhängig von spezifischen Interessenlagen gibt es Kritik an Qualität, Effizienz oder Auftragserfüllung der öffentlich-rechtlichen Anbieter und ihrer Angebote.

Es ist naiv anzunehmen, man könne sich aus diesen Gemengelagen im Sinne einer wissenschaftlichen Objektivität vollständig heraushalten. Deshalb betreibe ich dieses Projekt mit offenem Ausgang, aber von einer bewusst gewählten Perspektive aus. Im viel zitierten Aufgaben-Trio für öffentlich-rechtliche Medien von Information, Bildung und Unterhaltung geht es mir vorrangig um eine Sicherung der ersteren beiden, insbesondere des journalistischen Anteils. Dem liegt das Wissen darum zugrunde, dass zu einer offenen, demokratischen Gesellschaft eine wohl-informierte Bürgerschaft notwendig ist, und die feste Überzeugung, dass sich diese nur über eine wirtschaftlich gesicherte, gegen Unsicherheiten des Marktes ebenso wie gegen Zugriffe politischer Macht geschützte Medien-Infrastruktur erreichen und erhalten lässt.

Damit soll keine Aussage gegen die Notwendigkeit von Unterhaltung im öffentlich-rechtlichen Programmportfolio getroffen werden. Das Argument beispielsweise, dass nur auf dem Umweg der Unterhaltung den informierenden und bildenden Programmen genug Publikum zugeführt werden kann, muss geprüft werden. Und es mag natürlich andere Argumente geben, auch im Unterhaltungssektor bestimmte Bereiche dem nicht immer segensreichen Einfluss des Marktes zu entziehen: die Nachwuchsförderung zum Beispiel, oder die Setzung und Verfolgung qualitativer Standards, die sich nicht unmittelbar in Markterfolg niederschlagen.

Zu den relevanten Rahmenbedingungen der Problemlage gehören drei entscheidende, miteinander eng zusammenhängende Faktoren:

  1. technischer Medienwandel (Digitalisierung, Internet, soziale Medien, mobile Endgeräte)
  2. veränderte Nutzungsgewohnheiten
  3. Krise kommerzieller journalistischer Medien (Kontraktion des Anzeigenmarktes, Niedergang der Mittelschichten)

In diesem Kontext will ich zwei zentralen Fragenkomplexen nachgehen:

  1. Wie lässt sich die Existenz journalistischer öffentlich-rechtlicher Medien weiterhin oder künftig rechtfertigen?
  2. Wie sollten öffentlich-rechtliche Medien künftig aussehen?